Epidemiologie

Die Epidemiologie („gesundheitsbezogene Bevölkerungsuntersuchungen“) stellt ein eigenes Gebiet in der EMF-Forschung dar. Es grenzt sich von den übrigen biologischen Untersuchungsmethoden (In-vitro-Laboruntersuchungen, Tierstudien, Studien mit Probanden im Labor) dadurch ab, dass keine experimentellen (d.h. planbaren und gezielt definierten) Bedingungen in einer Laborumgebung geschaffen werden. Stattdessen werden die zu untersuchenden Daten für definierte Gruppen „vor Ort“, also im natürlichen Lebens- bzw. Arbeitsbereich des Menschen meist durch Befragung und ggf. Messungen an Ort und Stelle erhoben. Naturgemäß birgt dies auf der einen Seite Schwierigkeiten bei der genauen Bestimmung der „Randbedingungen“ und der hier in der Regel zu erfassenden Feldexposition (mit ihrer zeitlichen Variabilität). Auf der anderen Seite können größere Zeiträume und Gruppen erfasst werden als im Labor, und die Bedingungen sind insgesamt lebensnäher. Epidemiologie ist eine Untersuchungsmethode aus dem Bereich der Medizin. Im Zentrum des Interesses stehen dabei oft Krebserkrankungen. Die angewandte Statistik spielt in der epidemiologischen Methodik eine noch größere Rolle als bei den anderen biologischen Untersuchungsgebieten. Oft können ausreichend große Untersuchungsgruppen nur durch multizentrische Studien erfasst werden, bei denen die Daten in mehreren Ländern nach einem gemeinsamen Studienplan erhoben und danach zusammengefasst ausgewertet werden.

Historische Entwicklung

Eine Studie von Nancy Wertheimer und Ed Leeper aus dem Jahr 1979 über elektrische Hochspannungsleitungen und das damit möglicherweise verbundene Kinderleukämierisiko gilt als Ursprungsuntersuchung, mit der die epidemiologische Forschung im EMF-Bereich in Gang kam. Vorher gab es nur eine Handvoll Studien, die sich fast ausschließlich mit Risiken durch elektromagnetische Felder im militärischen oder sonstigen Arbeitsbereich befassten. Bis heute wurden über 700 EMF-Untersuchungen im epidemiologischen Bereich publiziert, davon über 100 im Mobilfunkbereich, und davon wiederum über 50 mit speziellem Blick auf das Hirntumorrisiko (www.emf-portal.de). In der jüngsten und bislang größten abgeschlossenen Verbundstudie INTERPHONE wurden zurückblickend die Mo­bil­te­le­fo­nier­ge­wohn­hei­ten von 6420 Personen mit Krebserkrankungen im Kopfbereich und von 7658 Kontrollpersonen ohne solche Krebserkrankungen miteinander verglichen und hinsichtlich eines möglichen Zusammenhangs zwischen Telefonbenutzung und Erkrankung analysiert. Weitere groß angelegte Studien (COSMOS, MOBI-KIDS, MoRPhEUS, CEFALO) laufen zurzeit noch.

Epidemiologische Studientypen

In der Epidemiologie werden verschiedene Studientypen unterschieden, die sich in Aufwand, Studiendesign und Aussagekraft deutlich unterscheiden. Meist gibt eine Abwägung von Machbarkeit, Kostenaufwand und Nutzen den Ausschlag für die Wahl eines Studientyps zur Beantwortung einer bestimmten Fragestellung. Die Studientypen

  • Ökologische Studie mit dem Spezialfall „Clusteranalyse“
  • Querschnittstudie
  • Fall-Kontroll-Studie
  • Kohortenstudie und
  • Interventionsstudie

werden auf den Internetseiten von Elektrosmoginfo.de in einer Zusammenfassung dargestellt, die auf einen Bericht des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes von 2002 zurückgeht (http://www.ralf-woelfle.de/elektrosmog/biologie/epi.htm). Ein kausaler Zusammenhang zwischen einem Risikofaktor und einer Erkrankung kann durch epidemiologische Studien allein grundsätzlich nicht bewiesen werden. Man erhält als Ergebnis immer nur mehr oder weniger große und je nach Aufwand und Studientyp mehr oder weniger sichere Wahrscheinlichkeiten. Der Beweis eines kausalen Zusammenhangs erfordert zusätzliche nicht-epidemiologische Forschungsergebnisse zum betreffenden Problem.

Störgrößen („Confounder“ und „Bias“)

Eins der größten Probleme bei der epidemiologischen Forschung ist die möglichst gute Einbeziehung und Berücksichtigung von Störgrößen („Confounder“), die auch einen Einfluss auf die zu untersuchende Größe (z.B. das Krebsrisiko) haben können, die man im gewählten Zusammenhang aber gar nicht untersuchen möchte. Bei Experimenten im Labor werden solche verfälschenden Störgrößen durch Einschränkung und Kontrolle der Umgebungsbedingungen (z.B. Licht, Temperatur, Luftschadstoffe, elektromagnetische Störfelder) so weit wie möglich ausgeschlossen. In der Epidemiologie ist dies naturgemäß nur durch die Auswahl der untersuchten Personen (unter Kenntnis ihres natürlichen Umfelds, der Lebensbedingungen und dem damit verbundenen Satz an Störgrößen) sowie durch möglichst gute, umfassende (und daher beliebig aufwändige) Erfassung und nachträgliche rechnerische Einbeziehung aller möglichen Störfaktoren in die Analyse der erhobenen Daten möglich. Systematische Verzerrungen epidemiologischer Ergebnisse („Bias“) können sich durch methodische Probleme bei der Durchführung epidemiologischer Studien, also z.B. bei der Befragung von Personen oder bei der Auswahl der Personenkreise ergeben. Das mehr oder weniger gute Erinnerungsvermögen der Teilnehmer an zurückliegende Ereignisse („Recall Bias“), unterschiedliches Teilnahmeverhalten in den Gruppen der Fälle und der Kontrollen („Selection Bias“) oder die unterschiedliche Bereitwilligkeit zur Teilnahme bei Betroffenen und Nichtbetroffenen („Response Bias“) wären Beispiele dafür. Die Analyse und Berücksichtigung von Störgrößen bildet damit immer einen eigenen, nicht zu vernachlässigenden Teil in epidemiologischen Studien. Studien mit unzureichender Berücksichtigung solcher Faktoren verlieren deutlich an Wert.

 

Aussagekraft von epidemiologischen Studien und Ergebnisse der CEFALO-Studie